Für die St.Galler Ständeratskandidaten gilt es ernst. Susanne Vincenz-Stauffacher setzt auf Hausbesuche, Benedikt Würth auf Podien und seinen Leistungsausweis.
Mike Egger kündigt Überraschungen an und Patrick Ziltener unbequeme Fragen.

Die Uhr tickt: In fünf Wochen ist im Kanton St.Gallen Ständeratswahl. Bislang hat das Rennen um den Sitz von Karin Keller-Sutter nicht allzu viel Tempo entwickelt, obwohl sieben Kandidatinnen und Kandidaten gestartet sind. Im Hintergrund aber läuft die Wahlkampfmaschinerie. Die Kulisse an den Strassen ist nicht mehr zu übersehen, vor allem die bürgerlichen Parteien sind im Plakatfieber.

FDP-Frau Susanne Vincenz-Stauffacher etwa strahlt seit vergangener Woche von ungefähr 400 Plakaten. Ihr Wahlkampf begann freilich schon Anfang Januar. Sie sei oft unterwegs, sagt Vincenz, «an parteiinternen Anlässen wie an öffentlichen, nahe bei der Basis, nahe bei den Leuten». Demnächst startet sie sogar einen «Von-Tür-zu-Tür-Wahlkampf». Wenn es also in den nächsten Tagen an der Haustüre klingelt, steht möglicherweise Susanne Vincenz davor? Sie sagt:

«Es wird ein Team von Freiwilligen losziehen, die ehrenamtlich unterwegs sind und geschult wurden»

Genauso, wie Teams von Freiwilligen die Plakate aufgestellt hätten. Die Fotos auf ihrer Homepage zeigen: Auch Susanne Vincenz und ihr Ehemann zogen mit Hammer und Holzlatten los. Wie stark gewichtet sie die Präsenz in den sozialen Medien? «Sie gehört zum Grundrauschen dazu. Doch am wichtigsten sind mir die persönlichen Begegnungen mit den Menschen in unserem Kanton.» Vincenz wird im Wahlkampf von einem sechsköpfigen Kernteam unterstützt. Dazu zähle Christoph Graf, Geschäftsführer der kantonalen FDP; er werde von der Partei gestellt. «Die andern sind Milizler.» Wer einen Blick auf die Mitglieder ihres Unterstützungskomitees wirft, entdeckt zahlreiche prominente Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, so auch Nationalrätin Barbara Gysi und Alt-Regierungsrätin Kathrin Hilber. Vincenz’ soziales Engagement findet Anerkennung – sie ist aktuell Ombudsfrau Alter und Behinderung und Präsidentin der Stiftung Opferhilfe; viele Jahre hatte sie auch der kantonalen Frauenzentrale vorgestanden.

Würth denkt nicht an die Favoritenrolle

Unter die Leute geht auch CVP-Kandidat Benedikt Würth: Zu seinen Terminen gehörte zum Beispiel der Eishockey-Cupfinal vom Wochenende in Rapperswil-Jona, in den nächsten Wochen folgen Podien und weitere Anlässe. Richtig Fahrt aufnehmen werde der Wahlkampf nach dem Abstimmungssonntag vom 10. Februar, schätzt Würth. Als Regierungsrat und Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen ist er allerdings stark ausgelastet – «sehr viel Zeit für zusätzliche Wahlkampf-Aktivitäten bleibt mir nicht.»

Sein Facebook-Kandidatenprofil zum Beispiel betreut der Wahlstab, wie CVP-Geschäftsführer Pius Bürge sagt. Wer dort eine Nachricht schreibt, erhält also nicht direkt vom Kandidaten Antwort. «Es gehört heute dazu, dass der Wahlkampf auch über die digitalen Kanäle läuft», sagt Würth, «doch wichtiger sind das persönliche Profil und der Leistungsausweis». Das gelte erst recht, wenn es um einen Ständeratssitz gehe – «das ist eine Persönlichkeitswahl».

Wie geht Würth mit der Rolle des Favoriten um?

«Über solche Kommentare mache ich mir keine Gedanken. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit.»

Ein Resultat seiner bisherigen Exekutivtätigkeit als Regierungsrat und Stadtpräsident sei auch die grosse Zahl der Unterstützer, über die Parteigrenzen hinaus. Über 400 sind es inzwischen. Diverse Freiwillige sind in den Wahlkampf involviert – auch im Wahlstab: Zu den Helfern im Hintergrund gehört Alt-Regierungsrat Martin Gehrer.

Grüne müssen sparen für den Wahlkampf im Herbst

Der Präsident der Grünen, Thomas Schwager, kann über das Wort «Wahlstab» nur lachen. «Bei uns organisiert etwa ein halbes Dutzend Personen den gesamten Wahlkampf. Wenn wir vor den Wahlen Aktivitäten planen, dann setzen wir diese auch gleich selber um.» Anders als die grossen Parteien hätten die Grünen kein bezahltes Parteisekretariat. Aus finanziellen Gründen verzichten sie momentan auch auf das Plakatieren im grossen Stil: Die Partei will Ressourcen schonen für den Nationalratswahlkampf im Herbst.

Der grüne Ständeratskandidat Patrick Ziltener macht sich keine Illusionen: «Die Konstellation mit den zwei Schwergewichten von CVP und FDP ist schwierig.» Es gehe für die Grünen auch nicht in erster Linie darum, einen Posten in Bern zu holen. «Aber Würth und Vincenz müssen in diesem Wahlkampf Antworten liefern, insbesondere zur Frage, was sie in Bern für den Klimaschutz tun wollen.» Diese Antworten einzufordern, sieht Ziltener als seine Aufgabe – gerade an den Podien in den nächsten Wochen, angefangen bei der FDP in Bütschwil am kommenden Freitag, wo die vier Kandidaten der Parteien erstmals aufeinandertreffen. Im Netz pflegt Ziltener vor allem seine Webseite, Facebook und Twitter seien nicht seine Welt.

Egger nimmt Ferien, Bösch verkauft VIP-Tickets

SVP-Kandidat Mike Egger hat ein hohes Ziel für den Ständerat – «den bitter nötigen Richtungswechsel, weg von der bisherigen Politik». In welche Richtung es gehen soll, mag er noch nicht verraten. Im Wahlkampf setzt Egger auf das, was er nach eigener Einschätzung am besten kann: Auf die Leute zugehen – an Standaktionen, auf der Strasse, an Anlässen, bei Vereinen. Berührungsängste hat er keine: Er wolle sich nicht nur mit Gleichdenkenden austauschen, sondern suche den Kontakt mit «den ganz gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern dieses Kantons, egal ob sie linke oder rechte Auffassungen vertreten».

Ihnen will er sich als «normalen, bodenständigen Typ» präsentieren, als einer, der «konsequent seine politische Linie» verfolgt. Damit sei er in der kantonalen Politik gut gefahren, sagt Egger. Selbstsicher sagt er denn auch: «Ich will meinen Wahlkampf mit Inhalt bestreiten und nicht mit Geld.» Klar würden auch von ihm «in Fronarbeit» Plakate im Kanton aufgestellt, «auf Privatgrund, wo es gratis ist». Er habe «kein 100’000-Franken-Wahlkampfbudget».

Nach seinem Team gefragt, antwortet Egger: «Wir sind eine kleine, eingeschworene Truppe. Mein bester Kollege, Parteisekretärin Esther Friedli, Kantonsrat Erwin Böhi, Jungpartei-Präsident Sascha Schmid, Parteipräsident Walter Gartmann.» Darüber hinaus könne er auf viele Freiwillige zählen. Demnächst nimmt Egger eine Woche Ferien, um von morgens bis abends Vollgas geben zu können. Er habe noch zwei, drei originelle Aktionen geplant. So wie bei seiner Weihnachtspost, als den Empfänger Eggers Konterfei von der Briefmarke anschaute? Er lässt sich nichts entlocken. Nur etwas hört er gar nicht gerne: die Einschätzung, dass er auf «Toni-Brunner-Kopie» mache.

«Wir mögen uns und wir haben ein ähnliches Naturell. Aber ich bin keine Kopie von ihm.»

Auch die parteilose Kandidatin Sarah Bösch setzt auf originelle Aktionen: So vergibt sie VIP-Tickets für ihre Geburtstagsfeier: Wer 50 Franken auf das Wahlkampfkonto einzahlt, ist dabei. Zudem ist Bösch mit einem «Wahlkampfmobil» im Kanton unterwegs und will ansonsten vor allem die sozialen Medien nutzen, um Wähler zu mobilisieren. Welche Überraschungen die weiteren Kandidaten Andreas Graf und Alex Pfister in petto haben, bleibt abzuwarten.

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