Magdalena Martullo-Blocher, Kathy Riklin, Adrian Wüthrich, Sibel Arslan: Prominente Politiker fast aller Parteien müssen um ihre Wiederwahl zittern.

Es ist eine Zeit des Abschiednehmens für viele Politiker: Nächste Woche startet die die letzte Session der laufenden Legislatur. Für gut 50 National- und Ständeräte ist es ganz offiziell die letzte Session, sie treten nämlich am 20. Oktober nicht mehr zur Wiederwahl an. 

Sie packen die Koffer in Bundesbern freiwillig – im Gegensatz zu ein, zwei Dutzend weiteren Parlamentariern, denen im Herbst die Abwahl droht. BLICK zeigt, wer am meisten zittern muss.

Martullo-Blocher bangt um ihre Wiederwahl

Zum Showdown mit dem grösstem Promi-Faktor kommt es in Graubünden: Magdalena Martullo-Blocher (50) droht nach vier Jahren die Abwahl, der Blocher-Dynastie in Bundesbern damit das Ende. Denn einer der beiden Bündner SVP-Sitze geht ziemlich sicher flöten. 

«Politik ist immer auch Glück», sagte Martullo-Blocher jüngst im BLICK. «Graubünden hat wenige Sitze, das wird schwierig – vor allem, wenn sich alle Parteien gegen uns verbünden.» Aber eben, wenn sie Glück hat, trifft die Abwahl ihren Kollegen Heinz Brand (63).

Geben die Ausserrhoder Zubi den Schuh?

Mehr als Glück brauchen andere SVP-Nationalräte für eine Wiederwahl. David Zuberbühler (40, AR) zum Beispiel. Vor vier Jahren luchste er der FDP den Sitz ab. Diese will den Sitz nun mit Jennifer Abderhalden (41) zurückerobern. Gut möglich, dass die Ausserrhoder «Zubi» den Schuh geben. Denn die SP verzichtet zugunsten der Freisinnigen auf eine eigene Kandidatur. «Unser Ziel ist eine andere Politik als in den letzten vier Jahren», sagt SP-Kantonalpräsident Jens Weber (51). Am 26. September entscheiden die Genossen, ob sie die FDP-Kandidatin sogar offiziell unterstützen. «Die Chance dazu ist gross», meint Weber. 

Zuberbühler ist sich der Gefahr bewusst, meint aber: «Ich habe ein gutes Gefühl.» Als Demokrat würde er jedoch eine Niederlage «klaglos» akzeptieren. «Und ich würde meine Energie wieder voll ins eigene Unternehmen stecken», sagt der Schuhhändler.

Doch auch weitere Nationalräte müssen zittern. In St. Gallen muss Toni Brunners (45) Nachfolger Mike Egger (27) um die Wiederwahl bangen, sitzt ihm doch mit Esther Friedli (42) ausgerechnet Brunners Lebensgefährtin im Nacken. Allenfalls könnte es auch Barbara Keller-Inhelder (51) treffen. In Zürich wiederum sind etwa die erst in der Sommersession vereidigten Martin Haab (57) oder Therese Schläpfer (60) potenzielle Abwahlopfer. In Bern muss allenfalls Erich Hess (38) über die Klinge springen.

Im Aargau kandidiert Luzi Stamm (66) trotz seiner Falschgeld- und Kokskauf-Affäre auf einer eigenen Liste – chancenlos. Und mit Maximilian Reimann (77) dürfte ein richtiger Politdinosaurier auf der Strecke bleiben. Er sitzt seit 1987 ununterbrochen im Bundeshaus. Nun versucht er auf einer parteiunabhängigen Seniorenliste den Sitz zu halten. Ein schwieriges Unterfangen, doch Reimann gibt sich zuversichtlich: «Das Wort Wackelkandidat existiert in meinem politischen Vokabular nicht», sagt er. «Ich starte erneut ab Feld 1. Komme ich ins Ziel, freue ich mich natürlich. Falls nicht, beklage ich mich nach 16 Jahren im National- und 16 Jahren im Ständerat beileibe nicht.»

CVP muss Federn lassen

Nicht nur in den Reihen der SVP ist das Bangen gross, auch die CVP wird Federn lassen. In der Parteizentrale rechnet das Horrorszenario mit einem Verlust von bis zu einem Dutzend Sitzen. Akut gefährdet ist der Sitz des christlichsozialen Oberwallisers Thomas Egger (52). Ein Sitz, der schon fast traditionell zwischen den Parteien umhergereicht wird.

Vor vier Jahren verpassten ihn die Grünen nur knapp. Schwappt die grüne Welle über den Lötschberg, muss sich der in dieser Legislatur nachgerutschte Egger nach nur zwei Jahren wieder aus Bern verabschieden. «Ich glaube nicht, dass die grüne Welle auch das Wallis erreicht», winkt Egger ab. «Zudem könnte es durchaus sein, dass die SVP entsprechend dem gesamtschweizerischen Trend einen Sitz verliert.» Dann würde SVP-Nationalrat Franz Ruppen (48) den Sitz verlieren.

Auch CVP-Nationalrätin Kathy Riklin (66, ZH) ist nach einem Rücktritt vom Rücktritt praktisch weg vom Fenster. Sie tritt nur noch auf einer Nebenliste an – ohne reelle Wahlchancen, da der CVP sowieso einer ihrer beiden bisherigen Sitze verloren gehen dürfte. Sorgen machen muss sich auch Fabio Regazzi (57) im Tessin, da der CVP auch dort ein Sitzverlust droht. In der Waadt könnte Claude Béglé (69) über seine umstrittene Nordkorea-Reise stolpern. Oder über seinen parteiinternen Konkurrenten Jacques Neirynck (88).

BDP-Guhl gibt sich gelassen

Im bürgerlichen Lager muss auch die BDP mit der einen oder anderen Abwahl rechnen. Im Aargau dürfte Bernhard Guhl (47) schlaflose Nächte haben. «Niemand hat eine Garantie auf Wiederwahl – und das ist gut so», meint Guhl. Er zählt aber auf eine «taktisch kluge Listenverbindung» mit der EVP. 

Und falls er den Sitz doch verpasst? «Das wäre absolut kein Problem», meint er gelassen. «Ich hatte nie den Anspruch, bis zur Pensionierung Nationalrat zu bleiben.» Mit seinen 47 Jahren könne er in seinem Job wieder aufstocken und sich im Beruf weiterentwickeln, so der Elektroingenieur.

Sorgen um Berner SP-Männer

Eine Sitzgarantie haben auch die links-grünen Parlamentarier nicht, obwohl sich im Oktober gemäss dem jüngsten SRG-Wahlbarometer ein Linksrutsch abzeichnet. In Bern machen sich die SP-Männer Sorgen. Ihre Liste holte vor vier Jahren nur knapp einen dritten Sitz. Kommt hinzu, dass der Kanton insgesamt einen Vertreter weniger nach Bern schicken darf. Wäre das schon 2015 der Fall gewesen, hätte es den roten Männer-Sitz getroffen.

«Ich bin der Wackelmann, der Sitzverlust und damit die Abwahl ist ein mögliches Szenario», sagt der letztes Jahr nachgerutschte Adrian Wüthrich (39). Immerhin kann er als Travailsuisse-Präsident mit seinem Engagement für die Vaterschaftsurlaubs-Initiative punkten. «Ich mache seit 20 Jahren Politik, die Unsicherheit über die Wahl gehört dazu. Ich mache jetzt einen aktiven Wahlkampf, über eine Nichtwahl mache ich mir deshalb keine Gedanken – mit meinem Job bin ich so oder so nahe an der Politik.»

Im Kanton Solothurn wiederum wird SP-Nationalrat Philipp Hadorn (52) von einer Genossin in Bedrängnis gebracht. Kantonalpräsidentin Franziska Roth (53) könnte ihm diesmal den Rang ablaufen. Vor vier Jahren trennten die beiden nur 122 Stimmen.

Grüner Wackelsitz trotz grüner Welle

Trotz grüner Welle schrillen auch im grünen Lager die Alarmglocken. In Basel-Stadt hat sich die bürgerliche Mitte von EVP bis LDP gegen Links-Grün verschworen. Die breite Listenverbindung könnte Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan (39) den Sitz kosten.

«Die Bevölkerung hat mich vor vier Jahren nach Bern gewählt, obwohl damals die Klimakrise noch viel weniger im Fokus stand und ich auch auf nationaler Ebene noch keinen politischen Leistungsausweis hatte», zeigt sich Arslan optimistisch. Inzwischen habe sie sich mit ihrer politischen Arbeit für Gleichstellung oder Menschenrechte in Bern einen Namen gemacht. «Ich werde wie gewohnt einen engagierten Wahlkampf führen. Mit viel Effort können wir den Sitz halten.»

Ihr Kampagnen-Hashtag ist Programm: «#sibelbleibt». Ihre Hoffnung: «Vielleicht luchst die Mitte ja der SVP einen Sitz ab.» Dann würde es den Bisherigen Sebastian Frehner (46) treffen.

Sorgenfreie FDP und GLP

Praktisch sorgenfrei können die Freisinnigen und Grünliberalen in den Wahlkampf ziehen. Für ihre Bisherigen sieht es gut aus. Für die FDP sind die Umfragewerte stabil, für die GLP deutlich im Plus. Beide Parteien können mit Sitzgewinnen rechnen.