Die St.Galler Regierung will, dass Mord weiterhin nach 30 Jahren verjährt. Sie lehnt eine entsprechende Standesinitiative ab. Nicht nur Politiker sind enttäuscht.

«Die Haltung der St. Galler Regierung ist beschämend», sagt Mike Egger (26). «Sie zieht den Täterschutz dem 
Opferschutz vor.» Der SVP-Kantonsrat ist Urheber des Standesbegehrens «Keine Verjährungsfristen für Schwerstverbrecher», das er im Juni zusammen mit 31 Mitunterzeichnenden eingereicht hat.

Anlass für das Begehren war für Egger der Kristallhöhlenmord von 1982, bei dem zwei Mädchen auf einer Velotour im Rheintal umgebracht und ihre Leichen versteckt wurden. Zwar gab es mehrere Verdächtige, gefasst wurde der Täter aber nie. 2012 verjährte der Fall, die St. Galler Justiz entsorgte sämtliche Beweisstücke. Für Egger unerträglich: «Inzwischen gibt es technische Verfahren, die eine Aufklärung noch nach Jahrzehnten ermöglichen.»

94 Prozent gegen Verjährung

Die St. Galler Regierung will davon nichts wissen, wie sie in ihrer Antwort schreibt. Sie verweist auf das «Recht auf Vergebung und Vergessen und auf die heilende Wirkung 
des Zeitablaufs». Ausserdem steige mit zunehmender Dauer die Gefahr von Fehlurteilen. Die Regierung beantragt deshalb dem Kantonsrat, nicht auf auf das Begehren einzutreten.

Zur Erinnerung: In einer Online-Umfrage von 20 Minuten war für 94 Prozent der Teilnehmenden klar, dass Mord nicht verjähren soll. Abgestimmt hatten fast 6000 Personen.

Unschuldige Verdächtige

Kein Verständnis für die Sichtweise der St. Galler Regierung hat auch der Jurist und Autor Walter Hauser, dessen Buch «Hoffen auf Aufklärung – Ungelöste Morde in der Schweiz zwischen Verfolgung und Verjährung» diese Tage erschienen ist. «Das ist die Sichtweise von Bürokraten», so Hauser. Für die Angehörigen von Mordopfern sehe die Sache ganz anders aus: «Für sie fühlt sich eine Verjährung wie Hohn und Spott an. Während sich der Täter beruhigt zurücklehnen kann, leiden sie oft ein Leben lang weiter.»

Der Kristallhöhlenmord zeige noch einen weiteren wichtigen Aspekt auf. Hauser: «Es gibt fünf Hauptverdächtige und womöglich nur einen Täter.» Die Verdächtigen seien in der Region bekannt und müssten nun seit Jahrzehnten mit diesem Stigma leben. «Es ist auch im Interesse dieser unschuldigen Menschen, dass ein solcher Fall nie zu den Akten gelegt wird», so Hauser.