Berneck kündigt drei Mietern und quartiert im Honglerhaus künftig Asylbewerber ein! Was hat sich seit dieser Frühsommer-Nachricht im Dorf getan? Auf der Suche nach Antworten.

Samuel Tanner 7.9.2012, 01:34 Uhr

BERNECK. Der Mann, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Ängste der Bernecker zu verpolitisieren, bestellt erst mal einen Espresso.

Mike Egger sitzt im Restaurant seiner Eltern, man nennt es hier «Braui». Und erinnert sich an den heissen Sommerbeginn in seinem Dorf.

Die erste Meldung ging am 19. Juli an die Öffentlichkeit und trug den Titel: Berneck kündigt Schweizern. – Sie stand in der Regionalzeitung. Daraufhin fielen die Boulevardzeitungen über Berneck her, der Ton wurde aggressiver. «Eine Schande, was die Schweiz mit den Schweizern macht», sagte Sondes Avi, die gleich neben dem Honglerhaus wohnt, dem Blick.

Die betroffenen Mieter waren empört. Das Ehepaar Manni muss raus!, schrieb die gleiche Zeitung. Und: Esther Eugster zeigt die Kündigung, die sie erhalten hat!

In der Leserbriefspalte verkündete ein gewisser Alfred Spitzmüller, Volketswil ZH: Dafür gibt es nur vier Worte: Das ist eine Schande!

Der Espresso in der «Braui» ist mittlerweile serviert. Und Mike Egger erzählt, wie er auf dieses Thema stiess. Er war in der Rekrutenschule in Walenstadt, als ihn, den neu gewählten Kantonsrat, hier im Restaurant jemand suchte.

Bald wusste er: Die Gemeinde wird im Herbst zehn Asylbewerber im schmucken Honglerhaus beim Rathaus-Platz unterbringen. Dazu müssen drei Mieter raus.

Mike Egger lancierte dann eine Petition mit zwei Forderungen: Die Kündigungen sind sofort rückgängig zu machen. Zudem: Die Unterbringung von Asylanten ist ausserhalb des Bernecker Dorfkerns vorzunehmen.

Über 835 Unterschriften hat der SVP-Kantonsrat bisher gesammelt – 229 von Berneckern. Heute übergibt er sie dem Gemeinderat.

Mike Egger ist stolz auf die Zahl. «Obwohl ich mich von den eigentlichen Forderungen verabschiedet habe», sagt Mike Egger, vor ihm die grünen Mappen mit den Zuschriften. Er hat gemerkt, dass die Asylbewerber nach Berneck kommen werden; Petition hin oder her. Der Kanton will es halt so. Mike Egger hat sich nun ein anderes Ziel gesetzt: Mit den Unterschriften und einem offenen Brief an Bund und Kanton will er Druck ausüben. Die Verfahren sollen so rasch wie möglich gestrafft werden.

Doch noch einmal zurück zum ursprünglichen Anliegen. Asylbewerber sollten nicht mehr im Kern leben dürfen. – Warum das? Egger sagt: «Klar ist: Asylbewerber, die zu uns kommen, können nichts dafür! Aber der Dorfkern sollte doch repräsentativ sein, nicht der Ort für Asylanten.»

Vor dem Espresso in der «Braui» war Mike Egger im Gemeindehaus bei Jakob Schegg, es ist nicht weit dahin, vielleicht 200 Meter.

Er habe ihm klar gemacht, sagt Egger, dass man dem Kanton doch auch mal sagen könne: Nein, so auf keinen Fall! Vor allem dann, wenn er neue Asylbewerber nach Berneck schicken will.

In der Gemeindeverwaltung ist der Präsident gerade an einer Sitzung. Später, am Telefon, sagt Jakob Schegg: «Es ist nicht immer so einfach. – Etwa bei der Unterbringung: Da ändert sich die Realität laufend; mal muss eine Person ins Gefängnis, dann kommt eine retour.» Neulich erhielt er vom Kanton ein Mail: Nächsten Dienstag, 13.30 Uhr, kommen drei Bewerber beim Rathaus an. Punkt.

Schegg verwaltet in seinem Büro einen Salat an Zahlen, Mails und Forderungen. Seit der Petition gibt es noch einmal neue Zahlen. Jakob Schegg sagt: «Die 229 Unterschriften aus Berneck sind beträchtlich.»

Der Präsident bekommt immer wieder Vorschläge für leer stehende Häuser; im Gemeinderat prüfen sie jetzt alles noch einmal kritisch. Auf weitere Fragen weiss Gemeindepräsident Schegg keine Antworten: Wann kommen die Bewerber? Wie viele kommen? Sind es Familien oder Alleinstehende?

Jakob Schegg bekommt immer noch fast täglich Mails in der Sache – in der Neugass haben sich sowohl Ton als auch Lautstärke aber geändert.

Keine weiss das besser als Frau B. Salzer, wie auf ihrer Namenstafel steht. Sie ist Filialleiterin im Volg – der Anekdotenstube dieses Dorfs. Sie steht am Kassaschrank und erinnert sich: «In der ersten Woche nach Bekanntgabe gab es nur dieses Thema!» Salzer weiss noch genau, was die Leute dachten: «Es gäbe sicher noch ein anderes Haus für die Asylbewerber.» Und wenn sie ehrlich ist, denkt sie gleich. Jetzt diskutieren die Kunden im Laden nicht mehr so oft darüber. Immerhin gibt es ja auch noch drei Kandidaten fürs Gemeindepräsidium.

Ähnlich sieht das Doris Rech, sie läuft die Neugass runter und mag sich auch nicht mehr gross aufregen über das Theater, das da war. Aber: Sie hat die Petition von Mike Egger auch unterschrieben. Doris Rech glaubt nicht recht, dass sich dadurch was ändert, aber probieren kann man es ja immer.