Ein brechend voller Pfalzkeller, eine temporeiche Debatte und ein Quartett mit grossen Unterschieden: Das «Tagblatt»-Podium zu den Ständeratswahlen legte Stärken und Schwächen der Kandidaten offen.

Katharina Brenner, Regula Weik, Christoph Zweili20.2.2019, 05:00 Uhr

Klimapolitik, Frauenfrage und Spesenskandal – das Podium war eine 90-minütige Tour d’Horizon durch die politische Aktualität. (Bilder: Urs Bucher)

Benedikt Würth: Hang zum Staatsmännischen

Benedikt Würth (CVP).

Auftritt  Die politische Bühne liegt ihm: Der oberste Kantonsvertreter der Schweiz wirkt entspannt, souverän, mit Hang zum Staatsmännischen. Zwischendurch wirkt Würth leicht ermattet von Wahlkampf und Parlamentsdebatten, ist aber bei der Sache. Im Zweifel wird er sogar angriffig – etwa als Mike Egger die Prämienverbilligungen als «Zuckerwasser» bezeichnet. 
WERBUNGinRead invented by Teads

Inhalt  Es gibt an diesem Abend kein Thema, bei dem Würth nicht die Wortführerschaft übernehmen kann. Sein breites Wissen verleitet ihn dazu, das eine oder andere gern einmal etwas ausführlicher zu erklären.

Stärke Was politisches Detailwissen angeht, kann ihm niemand das Wasser reichen. Und er ist kaum aus der Ruhe zu bringen. 

Schwäche  Er zeigt keine Schwäche – jedenfalls nicht an diesem Abend. 

Bester Moment  Auf die Frage, ob er Inlandflüge befürworte, antwortet Würth: «Ich finde es sinnvoller, mit dem Zug zum Flughafen zu fahren.» Als das Publikum lacht, reagiert Würth irritiert. Da war er wohl gedanklich kurzzeitig in anderen Sphären.

Mike Egger: Im Angriff besser

Mike Egger (SVP).

Auftritt  Er wirkt lebhaft, locker und deutlich weniger emotional als auch schon. Er argumentiert sachlich und ruhig. Er spielt ­gekonnt und gezielt die Karte «Jugend», gibt sich unerschrocken und unabhängig. 

Inhalte  Er hat sich in die Dossiers eingelesen, hat Zahlen und Fakten parat – wenn nicht alle im Kopf, dann auf dem Spickzettel. Zeitweilig wirken seine Antworten etwas lehrbuch- oder besser parteibuchartig. 

Stärke  Deutliche Positionen, konzilianter Auftritt: Egger ist die grosse Bühne gewohnt, er fühlt sich sichtlich wohl vor Publikum. Und er weiss, wie man punktet. 

Schwäche  Er wiederholt einzelne Argumente mantraartig. Seine Seriosität wirkt manchmal aufgesetzt, der Angriff steht ihm besser. Egger hat zwar bereits viel politische Erfahrung, mit 26 Jahren bleibt er aber der Jungspund. Daran ändert auch sein gesundes Selbstbewusstsein nichts. 

Bester Moment  Aus dem Publikum kommt eine kritische Frage zur Zusammensetzung des Podiums – Egger gibt sie spontan an die Moderatoren weiter.

Susanne Vincenz-Stauffacher: Demonstrativ volksnah

Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP).

Auftritt  Die einzige Frau im Quartett bringt Farbe in die Runde: Die Männer uniform in dunklem Anzug, sie volksnah-elegant mit Steppjacke. Obwohl die Älteste auf dem Podium, wirkt Vincenz-Stauffacher frisch und unverbraucht. In der Debatte macht sie teils einen nervösen Eindruck; sie gestikuliert, als müsste sie sich Vorbehalte gegenüber ihrer Kandidatur vom Leib halten. 
WERBUNGinRead invented by Teads

Inhalt  Wer bis jetzt davon ausging, sie sei eine Alibi-Kandidatur, wird eines Besseren belehrt: Vincenz-Stauffacher kann in der Debatte problemlos mithalten, sie kennt die Dossiers. Auftrumpfen kann sie, sobald es sozialpolitisch wird. 

Stärke  Spontan, schlagfertig, ­humorvoll. Sie weiss, wie sie ihre Erfahrung aus ihren diversen ­Engagements ausspielen kann. 

Schwäche  Ihr Auftritt wirkt manchmal überdreht, die Lockerheit gespielt. 

Bester Moment  Ihre Antwort auf die Zweifel an ihrer politischen Erfahrung: «Ich stehe zwar erst jetzt im Scheinwerferlicht. Das heisst aber nicht, dass ich zuvor 25 Jahre Schwarzwäldertorte gegessen habe.»

Patrick Ziltener: Kurz vor dem Dozieren

Patrick Ziltener (Grüne).

Auftritt  Karge Gestik, ernster Blick: Er kann den Dozenten nicht ablegen, in der Debatte wirkt er professoral. Die meiste Zeit hält er die Hände auf dem Rücken verschränkt – als wollte er im nächsten Moment vor dem Publikum auf- und abmarschieren und dozieren. 


Inhalt  Ziltener ist dort dossier­sicher, wo er berufliche Erfahrung hat. Der «untypische Grüne», wie er sich bezeichnet, trumpft auf mit Einblicken ins Schlüsselthema «Umwelt und Energie», das er einst im Staatssekretariat für Wirtschaft betreute. Eine Einarbeitungszeit in Bundesbern brauche er deshalb nicht mehr, versichert er. 

Stärke  Seine analytische Schärfe, seine Ernsthaftigkeit, seine hohe Glaubwürdigkeit. 

Schwäche  Ein unverkrampfter Auftritt sieht anders aus. Es bleibt der Eindruck einer gewissen Abgehobenheit. 

Bester Moment  Ziltener punktet mit einer bildungspolitischen Vision: «Wenn ich gewählt werde, möchte ich den Kanton St. Gallen zum Pilotkanton in der Berufsbildung machen.»

Und so verlief das Podium

Der Pfalzkeller war bis auf den allerletzten Platz gefüllt am Dienstagabend, etliche Zuhörerinnen und Zuhörer standen. Der Grossaufmarsch machte deutlich: Der Wahlkampf um den St. Galler Ständeratssitz ist in der heissen Phase angekommen. Am 10. März wählt das Volk die Nachfolge von Karin Keller-Sutter, sieben Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich zur Wahl. Vier davon standen auf dem «Tagblatt»-Podium: Benedikt Würth (CVP), Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP), Mike Egger (SVP) und Patrick Ziltener (Grüne). Mit sieben Personen liesse sich «keine vernünftige Diskussion» mehr führen, zudem wolle man die Parteien honorieren, «die in unserem politischen System eine zentrale Rolle einnehmen», sagte Moderator und «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid zu Beginn.

Die Februarsession des St. Galler Kantonsrats hatte wenige Stunden vor dem Podium geendet. Zwei Themen hatten die Debatte dominiert: die HSG und das Klima. Beide prägten auch das Podium, das dem Parlament punkto Lebhaftigkeit locker das Wasser reichen konnte. Die beiden Moderatoren zwangen die Kandidaten zu klaren, knappen Antworten. Es war eine Tour d’Horizon durch die politische Aktualität: Spesenskandal, Klimaerwärmung, Spitalschliessungen, AHV-Alter, Kampfjets, Ehe für Homosexuelle, Frauenfrage, Wahlkampfbudgets, Regionalpolitik. Das Publikum honorierte den hohen Unterhaltungswert der Debatte mit Zwischenapplaus und einer engagierten Fragerunde im Anschluss. Es waren 90 Minuten mit Tempo und streckenweise Tiefgang – oder knapper: Wahlkampf zum Zuschauen.